Tango Mortale

von Kid37

Als heute morgen vom Nachbarbalkon leise Tangoklänge herüberwehten, gleich wie der Duft einer recht kleinen Tasse löslichen Kaffees, erinnerte ich mich wieder an die Zeit, damals in Argentinien. Wir lebten, man muß besser sagen, hausten, in einer von Cucarachas bewohnten Bude mit undichtem Dach und wackliger Veranda mitten im schäbigsten Vorort von Buenos Aires. Dort am Río de la Plata war das Leben von ewiger Schwermut und noch schwererer Sehnsucht geprägt. Doch das Elend der kleinen Arbeiter, der überstark geschminkten Straßenhuren, der Trickdiebe und gescheiterten Existenzen, die es aus Europa kommend in unser Viertel angeschwemmt hatte, rührte uns nicht an.

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Sonntage sind nur saisonal scheisse.

Von Martina Kink
Wir sind uns einig, Sonntage sind schwierig, ab ungefähr 15.00 Uhr kaum zu ertragen, die Welt steht still und alle wollen immerzu nur spazierengehen oder Kaffee trinken. Was bei all dem Gejammer aber immer vergessen oder vielleicht auch verschwiegen wird: Sonntage sind nur saisonal doof. Wintersonntage zum Beispiel sind total in Ordnung, wenn nicht gerade Weihnachten ist, ansonsten kann man Skifahren oder gleich im Bett bleiben, sagt auch keiner was. Sommersonntage sind noch viel okayer, es lässt sich prima den ganzen Tag draussen rumlungern und die halbe Nacht dazu, oder muss wirklich noch jemand heim, Hausaufgaben machen? Im Hochsommer ist der Hysterie ausserdem schon ein bisschen die Luft ausgegangen, und es kommen nicht mehr 10 Münchner mit Kleinkind auf einen Zentimeter Biergartenbank. Sogar mit Sonntagen im Spätherbst lässt es sich auskommen, man weicht den ‚wer jetzt allein ist‘ Gedanken einfach elegant aus und konzentriert sich stattdessen darauf, dass man immerhin ein Haus hat, oder wenigstens eine überteuerte Mietwohnung, wo man es sich ‚kuschlig‘ machen kann. Kuschlig bedeutet vor allem viel Tee trinken, so höre ich. Mag man keinen Tee kann man auch ohne lesen, denn zum Lesen ist der November da. Herbst- und Frühjahrswochenenden verbringt man allerdings am schönsten damit, Freunde in anderen Städten zu besuchen. Wenn man nicht so recht weiss, wohin mit sich selbst, dann hilft es ungemein, nicht bei sich selbst zu bleiben. Doch, so einfach sind die Dinge wirklich manchmal. Weg sein ist die allerbeste Methode mal ganz nah bei sich zu sein, aber wann kriegt man schon mal seinen Hintern hoch. Immer schreibe ich ‚man‘ wenn ich ‚ich‘ meine.

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Zweimal Auschwitz und zurueck

von Bomec

Ich habe die Schuhe in Buenos Aires entdeckt, zusammen mit Robert. Er hat mich auf die Schuhe in einem Schaufenster aufmerksam gemacht, und ich habe sie sofort gekauft. Eigentlich passen sie besser zu seinem Kleidungsstil. Es sind klobige Skaterschuhe von Converse in koenigsblau und weiss mit roten Streifen und aufgestickten gelben Sternen. Inzwischen sind es meine Lieblingsschuhe. Ich liebe diese Schuhe. Ich trage sie staendig. Sie sind sehr bequem. Ich finde, sie passen zu mir. Gerade wollte ich sie anziehen. Aber jetzt sitze ich in meinem Hotelzimmer in Katowice, und rauche verstoert die dritte Zigarette. Die Schuhe stehen vor mir auf dem Schreibtisch. Es sind die einzigen Schuhe, die ich dabei habe. Skaterschuhe, auf die gelbe Sterne aufgestickt sind. Ich bin hier, um Auschwitz zu besuchen.

Natuerlich habe ich die gelben Sterne auf meinen Schuhen schon frueher bemerkt, aber keine konkrete Assoziation gehabt. Ich fand sie einfach nur cool. Ich aergere mich ueber mich selbst, weil ich nicht daran gedacht habe, dass gelbe Sterne, die auf Kleidungsstuecke aufgestickt sind, eine schreckliche Symbolik haben. Dass sie kein modisches Accessoire sind. Dass die gelben Sterne an meinen Schuhen an den Terror der Nazis gegen die Juden erinnern. Ich aergere mich, nicht daran gedacht zu haben, dass es undenkbar ist, mit gelben Sternen auf den Turnschuhen ein ehemaliges Vernichtungslager zu besuchen, und dass ich erst jetzt, unmittelbar vor dem lange geplanten Besuch des Konzentrationslagers, die Symbolik der Sterne bemerke. Vergeblich versuche ich, die Sterne abzukratzen. Ich ueberlege, sie mit Heftpflaster zu ueberkleben, oder sie schwarz anzumalen. Koennte ich mir nicht schnell noch ein Paar unscheinbare Schuhe kaufen? Oder sollte ich die Fahrt nach Auchwitz auf eine andere Gelegenheit zu verschieben, und einfach im Hotel zu bleiben?

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Eine ganz persönliche Begegnung mit der deutschen Vergangenheit. Bomec schafft es, den Leser in seine Hilflosigkeit und Betroffenheit während der Auseinandersetzung mitzunehmen. Am Ende bleibt tatsächlich – auch für den Leser – nur Sprachlosigkeit.

Das pralle Leben

Von Merlix

Zwischen meinem zwölften und zwanzigsten Lebensjahr wohnte ich in Travemünde, einem Vorort von Lübeck an der Ostseeküste. Meine Eltern hatten sich, wie es viele gutverdienende Menschen aus Lübeck oder Hamburg in den frühen Achtzigern getan haben, dort eine Wochenendwohnung gekauft. Das hatte weniger mit der Liebe zum Meer, als vielmehr mit sogenannten Steuersparmodellen zu tun, aber das sagte mir als Kind natürlich nichts. Alle Menschen wollten sowieso immer am Meer sein, dachte ich damals.

Unsere Wohnung war in einem Gebäude, daß “Strandresidenz” hieß, es hatte vier Stockwerke und fünfundsiebzig Wohneinheiten, die alle recht winzig waren. Wie die meisten dieser großen Wochenendbauten war die Residenz etwas merkwürdig geformt, damit alle Balkone möglichst viel Sonne abbekamen und einige sehr teure Wohnungen in der obersten Etage gerade eben noch etwas kostbaren Seeblick hatten, knapp über die Nachbarhäuser hinweg. Wenn man diese Gebäude heute sieht, hält man sie nur für allmählich verfallende, deutlich überdimensionierte Bausünden, damals galt es aber geradezu als feudal, sich am Wochenende für ein paar Stunden mit der ganzen Familie auf den doch immerhin meernahen Balkon drängen zu können. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwölf Jahre alt war und meine Mutter und ich bezogen daraufhin diese Wochenendwohung als dauerhafte Bleibe.

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27 going on 17

Von Spurced

Sie hieß Rebecca. Becky. So nannten sie die Mädchen in ihrer Clique, Betonung auf dem „y”: Beck-yyy. Ich sah sie zum ersten Mal, als ich vor den Kunsträumen darauf wartete, mich in einer weiteren Malstunde gegen meine Unkreativität zu wehren. Beck-yyy war sehr kreativ. Sie hatte sich ihr Bett selbst gezimmert, das Kopfende mit Industrieschaum besprüht und blau lackiert. Aber davon hörte ich erst, als mir längst klar war, wie fantastisch Beck-yyy war.
Sie war eine Stufe unter mir (mein einziger Triumph!), hatte hüftlange, gewellte braune Haare, die sie in der Mitte scheitelte und eine Nase wie ein winziges, auf den Kopf gestelltes Komma. Als sie an diesem Tag an mir vorbeiging trug sie, und ich kann nicht glauben, dass ich mich daran erinnere, aber ich erinnere mich: einen langen Hippierock, einen Ledermantel mit Pelzkragen, sie war barfuß. Ich war hingerissen.

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Ein komischer Sheriff

Von 500Beine

Als der Dauerregen vormittags eine Pause einlegt, setz ich mich auf eine Kippe und ein paar Notizen in die Malteser Gründe, dem Park hinterm Haus der Jugend.
Hier haben wir früher getobt, gesoffen, im Gebüsch gebumst mit Geräuschen: Als Lena und ich zwischen den Sträuchern wieder hervortraten, ihr tat der Rücken weh von den spitzen Steinchen, hat man uns mit freundlichem Applaus empfangen.

Viele Jahre später, ein Typ nähert sich vorsichtig. Etwa mein Alter. Dünnes rötliches Haar unterm Käppi. Rötlicher Schnauzbart. Armeeklamotten.

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Gewitter

Von Minka

Ich liege auf dem Sofa und bin unschlüssig. Gleich wird es ein Gewitter geben und es lohnt sich nicht mehr baden zu gehen. Alle sind draussen, liegen in den Freibädern auf ihren Frotteetüchern mit Delfin- oder Wellenmotiven und langweilen sich vermutlich. Sie tun etwas gegen die Langeweile indem sie zum Kiosk gehen. Dort kaufen sie ein Eis und packen es gleich aus. Wenn sie auf ihren Frotteetuchplätzchen zurück sind, ist das Eis schon halb gegessen. Dann sitzen sie da und überlegen, was sie nach dem Eisessen tun könnten. Die Frauen schauen, was die anderen Leute für Figuren haben und fühlen sich dicker oder weniger dick als sie. Dann richten sie ihr Oberteil zurecht oder fahren mit der Hand über das Schienbein und prüfen, ob schon Stoppeln zu spüren sind. Dann ist es wieder langweilig und sie gehen ins Wasser. Beim Aufstehen ziehen sie mit den Fingern die verrutschte Badehose über die Arschbacken. Wie jammerschade.

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Frau Grabow und ich

Von ichichich

Die rosarote Schürze einer Konditorin ist der Inbegriff des Wörtchens adrett. Von süßen Törtchen, Konditorseminaren und der Wichtigkeit, Frau Grabow nie in Flip Flops zu begegnen.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Meine Zuneigung zu Frau Grabow rührt vor allem aus der Begeisterung für ihre Produkte – einer Begeisterung, die gelegentlich ins fetischhafte schwappen mag, aber sei’s drum: Törtchen, Kuchen, Gebäckstücke, goldbraun schimmernd, bepudert mit feinstem Zucker und dem leckersten Obst gefüllt, warm dampfend und mit dem Geruch frischer Hefe … ich schweife ab.

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Tiefer

Von Lucky

Die Luft ist kühl, aber drückend und sehr feucht. Kleine klebrige Erdpartikel legen sich auf die Haut, in die Nase und den Mund. Die Schaufel und die Spitzhacke liegen schwer in der Hand. Die ersten Blasen platzen auf, und das Blut verbindet sich mit dem lehmigen, feuchten Staub. Der Rücken schmerzt. Der Boden ist sehr hart und steinig, ich muß immer zuerst eine Schicht der schweren feuchten duftenden Erde mit der Spitzhacke auflockern, um sie dann mit der Schaufel nach oben zu befördern.

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Wehmut

Von Hurra Blog

Henrieke ist eines der sonnigsten Mädchen, das ich kenne. Sie hat dickes, welliges blondes Haar in einem geflochtenen Zopf, sie trägt bunt-verspielte Ohrringe und einen filzenen gelben Mantel. Ihre Augen sind klein, leuchtend und fröhlich. Sie mag Röcke und das VHS-Kino, und sehr wahrscheinlich auch Schweden. Sie mag jeden Menschen, wie man sich erzählt.

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