Wettbewerb

Der Herr Alphonso hat einen literarischen Wettbewerb ausgerufen. Und zwar einen für erotische Texte. Kein Schweinkram, sondern „schön“ soll es sein. Da hat er sich ein wirklich schwieriges Themenfeld ausgesucht, denn wer sich schon mal an einem erotischen Text versucht hat, wird schnell festgestellt haben, dass der Text sich entweder schnell nach einem aufgebohrten Barbara Cartland oder Charles Bukowski Roman anhört. In diesem Fall ist es schwer, mal so mittel zu sein.
Nun gibt es Wettbewerbe in der Szene ja wie Sand am Meer. Man fragt sich zu weilen, welcher Schriftsteller heutzutage noch Hunger leiden muss, wo doch fast jede Gemeinde einen Stadtschreibern oder ähnliches sucht. Da kann man schon mal nett überwintern. Aber das hilft natürlich auch nicht auf Dauer. Der Gewinn, den Don Alphonso zur Verfügung stellt, hilft einem zwar auch nicht beim Überleben, aber man kann zumindest sehr stilvoll verhungern, was ja auch schon mal was ist.

Zum Wettbewerb

Leise Menschen

sie war fünf, ich sechs. jeden morgen um halb acht klingelte sie bei uns und holte mich zur schule ab. vier jahre lang. unsere mütter hatten sich abgesprochen und wir hatten uns damit abgefunden. in der schule sassen wir nicht nebeneinander. sie buhlte stattdessen um die gunst der bürgermeisterstochter britta, ein dickes mädchen mit lackschuhen, das schon in der ersten klasse mit dauerwelle antrat. ich verachtete britta und noch mehr verachtete ich die, die sich um dieses reiche kind bemühten. um uns bemühte sich keiner. wir waren nicht beliebt. ich hatte angst vor den meisten mitschülern. in der vierten klasse blickte die musiklehrerin meine mutter beim elternsprechtag nur erstaunt an, als die den namen ihrer tochter nannte. kannte sie nicht.
wir wurden verspottet. ich wegen meiner komischen nase, sie wegen ihrer hautfarbe. sie war das einzige farbige kind an der schule.

Weiterlesen

kirschen und haarnadeln

der ganze baum so voller kirschen so viele dunkelrote kirschen, es ist kaum noch laub zu sehen. die dünnen äste hängen tief nach unten und meine oma steht daneben und sagt an einem morgen in den sommerferien: jetzt sind sie reif. guckt mich an guckt den baum an und ich bin elf und ich hab schon kirschen gepflückt und entsteint, aber niemals so viele. meine oma guckt mich an und sagt: wenigstens ein paar müssen wir retten, der arme baum, die schönen kirschen. ich sage: wir fangen einfach an und hören auf, wenn wir keine lust mehr haben. kluges kind. und ich sage: du pflückst nicht und oma sagt: aber unten kann ich ja ein paar, du nimmst die leiter. und wir holen eimer und die leiter und es geht los und ich steige in den baum und mir wachsen die kirschen in den mund, aber sie sind so sauer. und im nu sind die ersten beiden eimer voll und oma sagt: wo sollen wir die bloß alle waschen und wir schrubben die lange alte zinkwanne und füllen sie mit wasser und da hinein kommen die kirschen und danach in die alte babywanne. zwei stunden später läuft oma zu den nachbarn und borgt sich mehr eimer und eine andere zinkwanne wird mit der schubkarre angefahren und die nachbarn stehen und bestaunen den baum und mich, wie ich immernoch pflücke. meine oma sagt immer: genug genug! aber ich kann nicht aufhören, inzwischen turne ich nur noch in unterhose im baum herum, der seine äste wieder hebt und wieder grün wird. und es ist knallsommerheiß.

mittags sind alle gepflückt, alle kirschen, die meisten schwimmen noch im wasser, weil alle anderen gefäße schon gefüllt sind mit gewaschenen glänzenden früchten. und opa ist zurück aus der stadt, oma hat ihn geschickt, gläser holen: karli, ich hab nicht genug gläser, du mußt in die stadt fahren, da sind noch gläser im keller. beim mittagessen schüttelt opa den kopf: ihr seid ja verrückt und seine ganze terrasse ist kirschenvoll: ihr seid ja verrückt. oma und ich gucken die kirschen an und räumen das geschirr ab und dann setze ich mich auf die hollywoodschaukel und oma kommt aus der küche und legt die beiden korken mit den haarnadeln auf den tisch. setzt sich und sagt: das geht doch nicht, wie sollen wir denn all diese kirschen jemals entsteint bekommen. ja, das stimmt, das geht nicht. und da liegen diese beiden alten korken, gebeizt von so viel kirschsaft und so vielen ernten, in jedem steckt mit beiden enden eine schwarze haarnadel und man hätte ja auch einmal neue korken mit neuen haarnadeln bestecken können. aber warum, jetzt haben sie schon so lange gehalten, die hände haben sich daran gewöhnt, sie liegen in der besteckschublade immer ganz hinten, bis es sommer wird.

wir können sie ja auch mit stein einmachen. sagt meine oma und guckt fragend. opa sagt: ich geh mal rasenmähen. und der schreck greift sofort zu einem korken: kerne spucken beim kirschtortenessen, kerne beim grießbreiessen und kerne über dem eis? oh nein. wir fangen an, dann werden wir ja sehen. kluges kind. wir entsteinen zu zweit einen eimer voll. das geht schnell, oma macht das schon immer und ich mache das auch schon seit ich ganz klein bin, das geht schnell. ganz am anfang ist die bewegung ungewohnt, man sticht mit der runden seite der haarnadel dort, wo der stiel der kirsche war, hinein. man kann fühlen, wie das kleine werkzeug am stein entlang gleitet, nicht zu weit, damit die kirsche nicht mehr verletzt wird, als nötig. immer schön am stein entlang, dann greift die rundung der haarnadel und man zieht den stein einfach aus der kirsche heraus. und so bekommt man entsteinte kirschen mit nur einem loch. und wenn sich die hände einen halben eimer lang erinnern konnten, geht es ganz automatisch ganz schnell und spritzt nur wenig.

nach dem ersten eimer sagt oma: dann werd ich mal einkochen gehen. ich kann sie von meiner schaukel aus sehen, alle fenster der kleinen küche sind weit offen und die gläser werden heiß gespült und niemand kann so heiße sachen anfassen wie meine oma und die gläser stehen kopfüber auf ganz sauberen geschirrtüchern und der ofen wird geheizt, im hochsommer und meine oma schwitzt und ich entsteine und als die ersten gläser im ofen sind, kommt meine oma heraus und guckt mich an und lacht und lacht. und ich habe schon wieder einen ganzen eimer geschafft und oma lacht und ich gucke an mir herunter und ich sehe aus, als würde ich tiere schlachten, blutrote spritzer überall und opa guckt über die hecke und sagt: ihr seid ja verrückt. ich werd euch mal den rest der kirschen waschen. schaufelt die kirschen aus der zinkwanne aus dem wasser in die freiwerdenden eimer und oma stopft die entsteinten in die gläser und es zischt und brodelt in der küche und die batterie der fertigen kirschgläser stellt sie auf einen holzrost auf die terrasse, weil kein platz mehr ist in der kleinen gartenhausküche. und jetzt haben wir ein fließband und das entsteinen geht immer schneller und in solchen momenten werden meister geboren und ja! ich bin der meister im kirschenentsteinen, da gibt es keinen zweifel und die haare meiner oma sind ganz aufgelöst und dampfschwaden kommen aus den küchenfenstern und die batterie kirschgläser wächst und wächst.

und alle alle kirschen werden entsteint und eingekocht und als es dunkel wird, sind wir fertig und haben vierzig große gläser kirschen und ich kaum mehr eine weiße stelle am körper und die nachbarn holen ihre eimer und wannen zurück und wir essen leberwurstbrot mit senf. und opa sagt: ihr seid ja verrückt und wir können hören, wie stolz er ist, wie ungläubig stolz er auf uns ist und dann sagt er: und guckt mal! ich hab den ganzen rasen gemäht und alles zusammengeharkt!

aber eine kirsche pro glas hat noch einen stein. für den geschmack, sagt oma. und ein bißchen aberglaube ist dabei und wenn einer von uns im winter diesen einen stein im kirschkuchen entdeckt, darf er sich was wünschen.

und erst heute habe ich meinen opa wieder gesehen. der alte super8film auf minidv auf vhs überspielt: und da ist er! und was für ein schöner mann er doch war, so ein schicker kerl! und wie er lachen konnte.

„Wolle Sie e Biä habe?“

Ich saß in Frankfurt (Stadtteil Enkheim) neben Karl Liesegang, 82, Schreinermeister in Rente, auf dem Sofa, in seiner engagiert und eigenhändig aus heterogenen Teilen zusammengehämmerten Wohnung, bei grob geschätzten 31° Celsius Innentemperatur. Mir gegenüber zum einen ein aggressiv bollernder Ölofen, welcher für genannte Temperatur verantwortlich, daneben tief in ein Fauteuil gesunken, Karl Liesegangs Gattin, sicherlich auch jenseits der 75, eine unablässig lächelnde, nickende und schnaufende, außer einem gelegentlichen „Och joh“ zu keiner weiteren Artikulation fähige Person. Da saß ich und wusste nicht, ob das angebotene Bier annehmen oder ablehnen. Denn es war erst 16 Uhr. Es hätte ja eine Prüfung sein können, das mit dem Bier. Und es ging um ziemlich viel.

Es war ein klarer Februarsamstag vor ziemlich genau zehn Jahren, verzweifelt war ich ein hässliches Frankfurter Industriegebiet entlang gestapft, in welchem die Straßen Wattstraße, Voltastraße, Nobelstraße oder Bessemerstraße heißen. Das hier war meine letzte Chance. Ich brauchte eine Wohnung. Mal wieder hatte ich alles verbummelt, verschusselt, auf den letzten Tag rausgezögert, nun war der Tag gekommen, ich musste HEUTE einen Mietvertrag unterschreiben, am Folgetag umziehen und am Montag mein Studium beginnen. Alle anderen Angebote, die der Anzeigenteil der Frankfurter Rundschau hergegeben hatte, waren zu teuer, zu weit weg von meiner Bildungsstätte oder schlicht und ergreifend nur über eine Warteliste zu haben.

Weiterlesen

Ein Abend im Juli

Ich haue mir noch einen Löffel in die Nase und lege The Jam auf und trete feste aufs Gas.
Das Aggregat hinter mir Brüllt auf und ich fliege nach Hause.
Zuhause angekommen geht es mir noch nicht besser, ich gehe in meine Wohnung doch irgendwie ist sie seltsam leer.
Ich fühle mich zum ersten Mal seit Jahren nicht wohl dass ich hier alleine bin.
Alles stimmt nicht mehr. Ich gehe zum Anrufbeantworter als ich höre das Bea spricht breche ich die Aufnahme ab.
Das brauch ich jetzt nicht auch noch. Ich muss jetzt erstmal dafür sorgen dass Steffi wieder zurück zu uns kommt. Wie soll der Planet denn wieder Stabilität bekommen wenn sie jetzt auch noch die Schwalbe macht und mit so Arschlöchern rumhängt.
Stilloses, saufendes, Pack.
Ich nehme zwei Downer und komme langsam wieder zur Ruhe. Dann schaffe ich es tatsächlich zwei Stunden zu schlafen.
Als ich wieder aufwache geht es schon etwas besser.
Es ist jetzt 22 Uhr. Ich gehe ins Bad, mein Anrufbeantworter blinkt aber ich reagiere nicht, ich will Beas Stimme nicht hören, sie bringt hier auch nur alles aus den Gleichgewicht.
Aber es lockt doch. Nein, ich werde nicht drangehen.
Das kann ich im Moment gar nicht gebrauchen. Ich merke wie ich schon wieder etwas nervös werde und dringend einen Beschleuniger brauche um auf jeden Fall gewappnet, reaktionsfähig, und schnell zu sein, wenn es was passieren sollte, und dass wird es heute Nacht, ich spüre die Luft vibrieren.
Ich lege Peter auf, “the jinx“ dröhnt aus den Lautsprechern, zur Freude meiner Nachbarn während ich mich anziehe um meine Wohnung zu verlassen.
Der Bass und die Gitarre, sie schwingen noch in meinem Hirn während ich zum Wagen gehe.
Die Wichser haben es doch tatsächlich geschafft das Steffi nicht mehr mit uns sein möchte.
Wir waren doch ein gutes Team, zwei sind mittlerweile gegangen und können nicht mehr zurückkommen. Das muss doch reichen, das ist doch schon schlimm genug. Ihnen zu ehren werde ich nun die Upstarts hören während ich mir mit dem Porsche meinen Weg in die Stadt bahne.
Zuerst in die Cocktailbar, hier nehme ich zwei Gin Tonic, und das obwohl Gin Tonic mich in höheren Dosen aggressiv macht.
Vielleicht muss ich es respektieren, denke ich beim Trinken. Eigentlich habe ich sie nicht wirklich geliebt, oder doch, oder nur auf meine spezielle Art.
War sie nur ein Zeitvertreib?
Wie ist das ehrlich zu sich selber zu sein?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht hat Frank ja Recht und sie war nur ein Spielzeug, ein Zeitvertreib, mehr nicht.
Leben ist ja bekanntlich Veränderung, so sagt man ja, also verändern wir uns auch.
Vier Gin Tonics später entscheide ich mich ins Rock zu fahren

Anmerkung des Autors:
Es war vor ca. 2 Jahren als ich nachmittags in einem Café eine Frau traf, welche mir bekannt vorkam, die ich aber nicht einordnen konnte. Sie grüßte mich, wir kamen ins Gespräch, sie erzählte mir fast ihr ganzes Leben, und ich konnte dabei nicht eine Parallele zu meinem feststellen. Trotzdem kannte ich sie und sie kannte mich. Zum Abschied sagte sie das es schön sei zu sehen was aus mir geworden sei und das es sie gefreut hätte mich wieder zu sehen.
Zuhause versuchte ich mich zu erinnern, und irgendwann viel mir ein wer sie gewesen sein musste. Sie war eine der Frauen gewesen welche ich damals in einer, für mich heute nicht so nicht mehr vorstellbaren, Egophase zu meinem Vergnügen „benutzt“ hatte. Warum hasste sie mich nicht?
Ich begann nun zu rekonstruieren und die Geschehnisse seit diesen Abend zusammen zu tragen, aufzuschreiben und in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Diese Erzählung ist ein Auszug daraus. Der Windhund heute, hat eigentlich nichts mehr mit dem Windhund in der Erzählung zu tun sie ist nur ein Teil einer Entwicklung. Ich bitte sie deshalb als Wertfrei zu betrachten.

Achtung, der Text ist sehr lang. Weitere Anmerkungen in den Kommentaren.

Ein Abend im Juli weiterlesen …











Angetrieben von Eitelkeit, Mitteilungsbedürfnis und WordPress. Das exquisite, minimalistische Aussehen wurde mit Hilfe des „Hiperminimalist Theme“ von Borja Fernandez erreicht. Einträge und Kommentare können abonniert werden. Bisher wurden Besucher gezählt.