Zweimal Auschwitz und zurueck

von Bomec

Ich habe die Schuhe in Buenos Aires entdeckt, zusammen mit Robert. Er hat mich auf die Schuhe in einem Schaufenster aufmerksam gemacht, und ich habe sie sofort gekauft. Eigentlich passen sie besser zu seinem Kleidungsstil. Es sind klobige Skaterschuhe von Converse in koenigsblau und weiss mit roten Streifen und aufgestickten gelben Sternen. Inzwischen sind es meine Lieblingsschuhe. Ich liebe diese Schuhe. Ich trage sie staendig. Sie sind sehr bequem. Ich finde, sie passen zu mir. Gerade wollte ich sie anziehen. Aber jetzt sitze ich in meinem Hotelzimmer in Katowice, und rauche verstoert die dritte Zigarette. Die Schuhe stehen vor mir auf dem Schreibtisch. Es sind die einzigen Schuhe, die ich dabei habe. Skaterschuhe, auf die gelbe Sterne aufgestickt sind. Ich bin hier, um Auschwitz zu besuchen.

Natuerlich habe ich die gelben Sterne auf meinen Schuhen schon frueher bemerkt, aber keine konkrete Assoziation gehabt. Ich fand sie einfach nur cool. Ich aergere mich ueber mich selbst, weil ich nicht daran gedacht habe, dass gelbe Sterne, die auf Kleidungsstuecke aufgestickt sind, eine schreckliche Symbolik haben. Dass sie kein modisches Accessoire sind. Dass die gelben Sterne an meinen Schuhen an den Terror der Nazis gegen die Juden erinnern. Ich aergere mich, nicht daran gedacht zu haben, dass es undenkbar ist, mit gelben Sternen auf den Turnschuhen ein ehemaliges Vernichtungslager zu besuchen, und dass ich erst jetzt, unmittelbar vor dem lange geplanten Besuch des Konzentrationslagers, die Symbolik der Sterne bemerke. Vergeblich versuche ich, die Sterne abzukratzen. Ich ueberlege, sie mit Heftpflaster zu ueberkleben, oder sie schwarz anzumalen. Koennte ich mir nicht schnell noch ein Paar unscheinbare Schuhe kaufen? Oder sollte ich die Fahrt nach Auchwitz auf eine andere Gelegenheit zu verschieben, und einfach im Hotel zu bleiben?

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Eine ganz persönliche Begegnung mit der deutschen Vergangenheit. Bomec schafft es, den Leser in seine Hilflosigkeit und Betroffenheit während der Auseinandersetzung mitzunehmen. Am Ende bleibt tatsächlich – auch für den Leser – nur Sprachlosigkeit.











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