Das pralle Leben

Von Merlix

Zwischen meinem zwölften und zwanzigsten Lebensjahr wohnte ich in Travemünde, einem Vorort von Lübeck an der Ostseeküste. Meine Eltern hatten sich, wie es viele gutverdienende Menschen aus Lübeck oder Hamburg in den frühen Achtzigern getan haben, dort eine Wochenendwohnung gekauft. Das hatte weniger mit der Liebe zum Meer, als vielmehr mit sogenannten Steuersparmodellen zu tun, aber das sagte mir als Kind natürlich nichts. Alle Menschen wollten sowieso immer am Meer sein, dachte ich damals.

Unsere Wohnung war in einem Gebäude, daß “Strandresidenz” hieß, es hatte vier Stockwerke und fünfundsiebzig Wohneinheiten, die alle recht winzig waren. Wie die meisten dieser großen Wochenendbauten war die Residenz etwas merkwürdig geformt, damit alle Balkone möglichst viel Sonne abbekamen und einige sehr teure Wohnungen in der obersten Etage gerade eben noch etwas kostbaren Seeblick hatten, knapp über die Nachbarhäuser hinweg. Wenn man diese Gebäude heute sieht, hält man sie nur für allmählich verfallende, deutlich überdimensionierte Bausünden, damals galt es aber geradezu als feudal, sich am Wochenende für ein paar Stunden mit der ganzen Familie auf den doch immerhin meernahen Balkon drängen zu können. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwölf Jahre alt war und meine Mutter und ich bezogen daraufhin diese Wochenendwohung als dauerhafte Bleibe.

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Pflegen (Die Zeit, die bleibt)

Von moni

Letztes Jahr erlebte ich eine Zeit mit, die einer jungen Frau noch blieb. Diese Frau war wie ich 33 Jahre alt und mit mir in eine Jahrgangsstufe des Gymnasiums gegangen. Sie hatte in Tübingen studiert und in Chile. Zur Promotion war sie nach Cambridge gegangen, sie war fast fertig, als sie die Diagnose bekam, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist.

Wir hatten nach dem Abitur sporadisch Kontakt zueinander gehalten, wussten, wo die andere sich gerade jeweils befindet und was sie studiert und arbeitet. Wir verstanden uns gut, tauschten mal zwischen Montpellier und Chile und mal zwischen Chicago und Cambridge schöne Emails aus. Trotzdem waren wir nie wirklich eng befreundet in dem Sinn, dass wir uns gegenseitig besucht hätten. Wir sahen uns höchstens, wenn wir beide unsere Eltern gleichzeitig besuchten. Trotzdem waren die Emails, die wir uns schrieben, alles andere als oberflächlich. Zu einer anderen Freundschaft fehlte uns vielleicht einfach die Grundlage, denn zu Schulzeiten hatten wir beide sehr unterschiedliche Strategien gewählt, in dem rauen Klima unseres Jahrgangs zu überleben.

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