„Wolle Sie e Biä habe?“

Ich saß in Frankfurt (Stadtteil Enkheim) neben Karl Liesegang, 82, Schreinermeister in Rente, auf dem Sofa, in seiner engagiert und eigenhändig aus heterogenen Teilen zusammengehämmerten Wohnung, bei grob geschätzten 31° Celsius Innentemperatur. Mir gegenüber zum einen ein aggressiv bollernder Ölofen, welcher für genannte Temperatur verantwortlich, daneben tief in ein Fauteuil gesunken, Karl Liesegangs Gattin, sicherlich auch jenseits der 75, eine unablässig lächelnde, nickende und schnaufende, außer einem gelegentlichen „Och joh“ zu keiner weiteren Artikulation fähige Person. Da saß ich und wusste nicht, ob das angebotene Bier annehmen oder ablehnen. Denn es war erst 16 Uhr. Es hätte ja eine Prüfung sein können, das mit dem Bier. Und es ging um ziemlich viel.

Es war ein klarer Februarsamstag vor ziemlich genau zehn Jahren, verzweifelt war ich ein hässliches Frankfurter Industriegebiet entlang gestapft, in welchem die Straßen Wattstraße, Voltastraße, Nobelstraße oder Bessemerstraße heißen. Das hier war meine letzte Chance. Ich brauchte eine Wohnung. Mal wieder hatte ich alles verbummelt, verschusselt, auf den letzten Tag rausgezögert, nun war der Tag gekommen, ich musste HEUTE einen Mietvertrag unterschreiben, am Folgetag umziehen und am Montag mein Studium beginnen. Alle anderen Angebote, die der Anzeigenteil der Frankfurter Rundschau hergegeben hatte, waren zu teuer, zu weit weg von meiner Bildungsstätte oder schlicht und ergreifend nur über eine Warteliste zu haben.

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6 Kommentare

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  1. Jochens Geschichten pendeln oft zwischen ziemlich brachialen Humor und sehr leisen Momenten. Vor allem zwischen den Lachern ist mehr zu sehen. Er macht sich nicht lustig über die Menschen, auch wenn die eine oder andere Eigenart aufs Korn nimmt, sondern zeigt auch eine Menge Alltagstragik. Das ist zwar auch eine lange, aber sehr lesenswerte Geschichte.

    Kommentar von Don Dahlmann — 03.11.2005, 15:09 #

  2. wirklich sehr gut einen Menschentyp eingefangen, der mir nur allzu bekannt ist. Wenn man nach Hessen kommt, dann wird man unweigerlich auf solche Typen treffen. Bei mir war es zum Beispiel mein Fahrlehrer, ein besserwisserischer, aggressiver und alter Mann. Wenn ich aufpassen sollte, sagte er „Pass ämal Acht!“ oder „Estä Gang!“ und seine Fahrschülerinnen nannte er immer „Frollein“. Von den Fahrstunden habe ich sicher einige Traumata davongetragen.

    Kommentar von Dr. Bierkrug — 03.11.2005, 21:34 #

  3. Was für eine göttliche Erzählung. Ich hab noch eine Stunde lang sein Blog durchstöbert, da gibts noch mehr solche Goldstücke.

    Kommentar von Clavain — 05.11.2005, 00:45 #

  4. Ich hab mich schiefgelacht!
    Sehr lesenswert.

    gute nacht, es ist spät.

    Jan

    Kommentar von Jan — 07.11.2005, 01:26 #

  5. Wann gehts denn hier weiter?

    Kommentar von Texas-Jim — 14.11.2005, 22:25 #

  6. Das ist eine lange Geschichte. Die müssen erstmal alle lesen…

    Kommentar von KleinesF — 15.11.2005, 16:25 #

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